Da gewinnt ein 22jähriger Student aus Deutschland das größte und wichtigste Pokerturnier der Welt und wird mal eben zum Millionär und auf einmal merken die deutschen Massenmedien, welche Bedeutung Poker hat und welches Potenzial offenbart wird. Aber wieso brauchte es dazu eigentlich den “Weltmeistertitel”? Beim Fußball ist es doch auch schon eine Weile her seit wir den letzten Titel gewinnen konnten, dennoch ist es in aller Munde.
Dabei haben schon einige Deutsche einen Titel am grünen Filztisch erringen können, sei es ein glamouröses goldenes Bracelet oder einen Sieg bei der European Poker Tour. Auf einmal müssen alle Redakteure und Journalisten, die bisher nur über den letzten Klatsch und Tratsch der Promis berichtet haben, umdenken und recherchieren weil sie über das Thema eigentlich nicht wirklich etwas wissen.
Wie viele Deutsche haben bereits einen Titel bei der World Series Of Poker gewonnen? So eine triviale Frage erfordert anscheinend explizite Google Suchfähigkeiten und alles was man über Poker wissen muss, findet man doch in den alten Western aus den 50er Jahren. So müssen einem die Erklärungsversuche von Bild und Co vorkommen, wenn man sich bereits seit einiger Zeit mit diesem äußerst illegalen Glücksspiel beschäftigt, bei dem man laut unseren äußerst besorgten Politikern absolut suchtgefährdet ist.
Nun ja, nach diesen Prinzipien wären alle Aktienspekulationen und Bankgeschäfte vor allem auf Grund der Tragweite um ein Vielfaches schlimmer. Dieser Vergleich mag nicht wirklich fair erscheinen und das ist er in Realität auch nicht, denn wir Pokerspieler bekommen überhaupt nicht diese Art von Respekt und werden fast immer nur mit erhöhter Augenbraue von der Seite belächelt. Leonard Nimoy wäre echt stolz auf diese vulkanische Tradition.
Wenn ihr also über Poker sprechen wollt, liebe Massenmedien, dann sucht mehr als nur 5 Minuten bei Google und versucht nicht, alle halbwegs plausible und rudimentäre Klischees in Zusammenhang mit diesem Kartenspiel zu bringen. Ja, mit Pius Heinz stellt Deutschland zum ersten Mal den Weltmeister im Poker, doch zuvor haben es schon einige Landsleute bei den verschiedenen Turnieren geschafft.
Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Philipp Gruissem konnte das Highroller Event bei der EPT Barcelona und EPT London für sich entscheiden und mit Martin Schleich sowie Benny Spindler ging der EPT Main Event Titel auch zwei Mal in Folge nach Deutschland. Poker war hierzulande schon vor dem Triumph von Pius Heinz sehr populär und es soll auch keinesfalls den Erfolg des Wahl-Wieners schmälern.
Aber Deutschland ist nicht erst jetzt aus dem Dornröschenschlaf erwacht, es gibt bereits sehr viele erfolgreiche Pokerspieler aus unseren Reihen. Zudem ist Pius nicht der nächste Chris Moneymaker, der einen erneuten Boom à la 2003 auslösen wird, denn er kann im Gegensatz zu seinem amerikanischen Pendant tatsächlich sehr gut Poker spielen. Nur eines wird sich mit Sicherheit ändern: Poker wird in den Massenmedien etwas mehr Aufmerksamkeit erhalten. Hoffen wir, dass dies auch respektvoll und mit der nötigen Recherche geschehen wird. Denn sonst fliegt so mancher Bluff der sogenannten Journalisten relativ schnell auf.
Christian Zetzsche
Danke für diesen Artikel !!!
Man kann nur hoffen, dass ihn recht viele lesen. Mich stört schon immer, das ich auf’s “Zocken” angesprochen werde, wenn man mit mir übers pokern redet. Zumal ich haupsächlich nur Turniere spiele und mich für die grösseren Event’s qualifiziere.
Spiele Poker aus Leidenschaft und nicht aus Sucht!!!!
So gesehen müsst man die meißten Geschäfte in’s illegale Eck drängen – wieviel mehr Kaufsüchtige Menschen als Pokersüchtige gibt es denn
???

